Der Fensterbildzyklus
Wenn man sich mit den Glasmalereien der Kirche in Huchenfeld auseinandersetzt, dann fällt schnell auf, dass vielfach paarweise einander zugeordnete Motive vorkommen.
Augenfällig und unübersehbar zeigt sich dies in den beiden zweigeschössigen Fenstern der Südseite: Passion und Auferstehung, oder eigentlich: der erniedrigte und der erhöhte Christus.
Die Darstellung des Leidens Christi nimmt typische Aspekte der biblischen Schilderung und der traditionellen künstlerischen Gestaltung auf: Neben der Dornenkrone, den Wundmalen und dem Lendentuch sind es die Marterwerkzeuge zu seinen Füßen. Das Kreuz dagegen ist zunächst kaum zu sehen, erst beim näheren Hinsehen wird es ganz im Hintergrund am Horizont sichtbar
Statt am Kreuz zu hängen, steht Jesus aufrecht - vielleicht als Zeichen seiner königlichen, göttlichen Würde gedacht, die trotz allem durchgehalten wird. Ich verstehe dies als Hinweis, dass wir im Gekreuzigten zugleich schon immer den Auferstandenen vor uns haben.
Farblich ist diese Darstellung jedoch noch ganz der Erde verhaftet, Brauntöne dominieren. Etwas Pflanzengrün ist vorhanden und ein blasser blauer Himmel. Die einzige kräftige Farbe ist das Purpur des Königsmantels, das man Jesus zum Spott um die Schulter gelegt hatte. Doch dieses Tuch liegt zusammengerollt auf der Erde, auf ein Minimum reduziert.
Dadurch besteht ein intensiver farblicher Kontrast zur zweiten Darstellung Christi. Schon die Farbgebung macht klar, dass wir hier den Auferstandenen vor uns haben. Kräftiges Blau dominiert dieses Fenster. Die Farbe des Himmels Gottes, seiner Ewigkeit und Treue - so wird diese Farbe in der christlichen Malerei verstanden. Dazu tritt das nun ausgebreitete Rot des Königsmantels: Hier tritt uns der wahre König des Himmels und der Erde entgegen, in der Hand die Siegesfahne. Dahinter öffnet sich der Himmel. Ob er es tut, um den Auferstandenen aufzunehmen ? Oder ist es nicht eher so, dass der Rand des sich öffnenenden Himmels wie ein - freilich querliegender - Mund aussieht ? Dann wäre es der Mund Gottes, der zu uns sein lebendiges und unüberbietbares Wort spricht, Jesus Christus !
Doch die Paarung der beiden großen Fenster ist nur die auffälligste. Bis in die kleinsten Fenster haben wir Paare vor uns: Neben der südlichen Eingangstür befindet sich ein Fenster mit den Symbolwesen der vier Evangelisten: dem Engel für Matthäus, dem Löwen für Markus, dem Stier für Lukas und dem Adler für Johannes. Diese Wesen stammen aus der Offenbarung des Johannes und gehen auf Ezechiel zurück. Ursprünglich wurden sie alle vier auf Jesus gedeutet, dann aber auf die Evangelisten übertragen, die von Jesus berichten.
Diesem Fenster korrespondiert über der Tür im zweiten Stock ein Fenster mit der Darstellung von vier Menschen, gleichfalls eng verbunden mit der frohen Botschaft von Jesus Christus. Jedoch ist dem Fenster der Evangelisten gegenüber der Akzent leicht verschoben. Es geht nun eher um die Ausbreitung der Schrift, um die Erweiterung des Gottesvolkes um die nichtisraelitischen Völker.
So tauchen hier zwar auch noch einmal Evangelisten auf, aber welche? Zwei sind herausgegriffen: Markus und Johannes, und diese beiden sind den beiden "Hauptaposteln" zugeordnet: Petrus und Paulus.
Petrus ist der Jünger Jesu, auf den Christus seine Kirche gründet, zugleich aber auch der Repräsentant der Judenchristen im Apostelkonzil. Paulus ist der Völkerapostel, der das Evangelium in die Welt trägt. Im Konzil ist er der Vertreter der Heidenmission und der von ihm getauften Heiden. Interessant auch, wie die beiden Evangelisten ihnen zugeordnet werden: Paulus steht zusammen mit Markus, dem Verfasser des ältesten Evangeliums. In ihm haben wir wohl auch nach Forschungsstand einen griechischstämmigen Juden zu sehen, also einen den Heidenchristen zumindest Nahestehenden.
Als Judenchrist macht Johannes, der letzte und späteste der kanonischen Evangelisten, das andere Ende des Spektrums deutlich und steht Petrus nahe. Zumindest für die Offenbarung trifft diese Deutung zu, dort zeigt sich Johannes als ein erklärter Judenchrist, dem alles Heidenchristliche ein Gräuel ist. Ob er derselbe ist wie der Evangelist, darin ist die Forschung heute allerdings anderer Auffassung als damals, als unser Fenster entstand. Der Evangelist jedenfalls steht in vielem theologisch Paulus näher als Markus.
Auf der Empore stehen sich zwei Bilder aus dem Alten Testament gegenüber: Kain und Abel auf der Südseite und Mose mit den Gesetzestafeln auf der Nordseite.
Der erste Brudermord, der grundlegend festhält, was für das Verhältnis zwischen Menschen gilt, wo sie bis in die Perversion des Glaubens hinein ihre Verantwortung füreinander verleugnen und sich darum auch zum Mord hinreißen lassen.
Dem tritt auf der anderen Seite der befreiende Gott gegenüber, dessen Gebote der absoluten Freiheit von Einzelnen, die auch über Leichen geht, eine Grenze setzen, zugleich aber auch die gemeinsame Freiheit aller schützen will.
Die Westseite zeigt ebenfalls deutlich den Willen zur paarweisen Gestaltung. Im unteren Stockwerk, dem Altarraum gegenüber, befinden sich zwei Fenster mit der Darstellung der Sakramente: links unter dem Aufgang zur Empore die Taufschale mit dem Krug, rechts die Patene mit einem Abendmahlskelch.
Beide Fenster nehmen übrigens die in unserer Kirche vorhandenen Sakralgegenstände in ihrer Gestaltung auf. Taufschale und Krug sind noch heute in Verwendung, das noch vorhandene alte Abendmahlsgeschirr ist gerade erst überarbeitet worden und kann nun wieder verwendet werden.
Im Stockwerk darüber stehen sich an der Westseite ebenfalls zwei größere Fenster gegenüber, auf denen zwei biblische Verse stehen - links aus dem Buch des Jesus Sirach 25,1: "Drei schöne Dinge sind, die Gott und den Menschen wohlgefallen: Wenn Brüder eins sind und die Nachbarn sich lieb haben und Mann und Weib wohl miteinander umgehen."
Rechts davon aus dem 2. Brief an die Korinther: "Von Gott kommt auch ihr her in Jesus Christus, welcher uns gemacht ist von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heilung und zur Erlösung."
Auch auf der Nordseite finden sich Bilderpaare, diese sind jedoch aufgrund der Positionierung der Orgel auf der Empore und damit vor einem der Fenster nicht ganz schlüssig zuzuordnen. Meine Interpretation bezieht sich also auf die derzeit sichtbaren Bilder.
Eindeutig ist die Paarung der beiden kleinen Bilder im hinteren Teil der Südwand und zugleich sehr auffallend: Das Leben des einfachen Volkes, der Bauern auf dem Land wird zum Motiv: ganz hinten die Bäuerin mit einem Rechen im Arm, daneben ein Kind, beide im Gebet.
Das Fenster rechts daneben zeigt einen Bauern mit einer Sichel, ebenfalls im Gebet. Dass sich diese im Gegensatz zu den anderen Fenstern aus dem "Alltag" der Menschen entnommenen Motive gleich neben den beiden Fenstern mit den Sakralgegenständen befinden, ist sicher kein Zufall, bilden doch die Sakramente gleichsam die Brücke hin zu den biblischen Motiven, zur Sphäre Gottes.
Schwieriger scheint die Zuordnung der durch die Empore getrennten letzten beiden Motivpaare. Betrachtet man die Fenster im unteren Stockwerk und im oberen getrennt, so befinden sich je zwei Motive aus dem Alten Testament unten, aus dem Neuen oben. Ja, man könnte diesen Zusammenhang noch enger knüpfen: unten zwei Geschichten der Erzväter, oben zwei mit Jesus verbundene Ereignisse.
Aber es bietet sich auch eine andere Beziehung an: Wenn man die Kirche vom Osteingang neben dem Turm betritt, sieht man rechter Hand, gleich links von der Treppe, als erstes ein Fenster, das ein Ereignis aus dem Leben Abrahams zeigt.
Es handelt sich um die Begegnung Abrahams mit den drei Engeln, Boten Gottes, bei denen Abraham erneut die Zusage Gottes auf Nachwuchs erhält. Hinter ihm, im Halbdunkel des Eingangs zum "Zelt" sieht man seine lachende Frau Sarah. Doch das Bild betont etwas anderes. Vor Abraham auf dem Tisch liegt Brot, das er verteilt. Dies deutet auf die Gastfreiheit Abrahams, die in der jüdischen Tradition neben seinem Glauben ein Hauptwesensmerkmal Abrahams war.
Dieses Motiv wurde dann in der christlichen Kunst gerne wieder aufgegriffen, ganz deutlich in den Mosaiken im Dom von Ravenna. Dort wird die Gastfreiheit Abrahams auf die Freudenmahle Jesu bezogen, die er mit seinen Freunden hielt und die im Abendmahl ihren Höhepunkt haben. Im Dom zu Ravenna steht darum der Szene mit Abraham ein Mosaik, das das Abendmahl zeigt, gegenüber. Die Entsprechung in der Huchenfelder Kirche: Das erste Fenster links von der Orgel auf der Empore zeigt Jesus mit einem Jünger beim Abendmahl.
Bei den beiden letzten korrespondierenden Fenstern handelt es sich um das zweite links von der Orgel, bzw vom östlichen Eingang aus das zweite an der nördlichen Mauer des Langschiffs. Im Grundgeschoss haben wir die Segnung Jakobs vor uns, auf der Empore wohl die Segnung Jesu durch Simeon bei seiner Präsentation/Beschneidung im Tempel.
Während Abraham der Vater des Glaubens sowohl von Juden wie Christen ist (und auch von Moslems), sich die beiden vorgenannten Fensterbilder also wie Vorabbild und Bild des wahren Freudenmahls verhalten, repräsentieren die nun genannten Bilder die Anfangsereignisse des jüdischen und des christlichen Glaubens: Der Segen Isaaks gilt nicht dem erstgeborenen Esau, sondern Jakob, der später von Gott den Namen Israel erhält und dessen Nachkommen von Gott als sein Volk angenommen werden.
Mit Jesus kommt Gott selbst in einem Menschen in die Welt um sich ein Volk zu sammeln, das nicht mehr an den Grenzen einer Nation endet, sondern alle in sich einschließt, die ihm vertrauen.
Neben diesen Bilderpaaren gibt es noch zwei Einzelfenster mit bildlicher Darstellung, die aufgrund ihrer jeweiligen Lage im Raum des Kirchenschiffes keine Parallele ertragen oder brauchen.
Einmal ist da die höchste Stelle im Raum, die freie Giebelwand im Westen. Diese Stelle ist Jesus Christus vorbehalten, er thront über allem. In einem achteckigen Rahmen, umgeben von einem Siegerkranz, erhebt sich sein freundliches Antlitz über allem.
Das zweite Einzelbild befindet sich in der Sakristei.
Es gibt zwei mögliche Deutungen. Biblisch entspricht die dargestellte Situation dem Gespräch Jesu mit Nikodemus ( Joh 3). Darauf deutet auch der Nachthimmel, der durch das geöffnete Fenster sichtbar wird.
Die zweite mögliche Deutung ergibt sich aus dem Accessoire der Szene. Deutlich ist eine Bibliothek dargestellt - ein Regal mit Büchern im Hintergrund, neben der Person, die mit Jesus abgebildet ist, ein geöffnetes Buch ( die Bibel ) auf dem Boden. Damit fällt die Darstellung aus dem biblischen Rahmen der anderen Darstellungen heraus. Jesus als armer Wanderprediger hat nie ein Buch geschweige denn eine Bibliothek besessen. Nicht Nikodemus hat sich also zu ihm begeben, sondern Jesus ist zu Gast bei einem anderen Menschen.
Was auffällt: Die Person trägt die Züge Luthers, so wie er auf Gemälden von Lukas Cranach abgebildet ist. Damit wird das Fensterbild von einem biblischen zu einem symbolischen. Dafür spricht auch der Platz, an dem es zu finden ist: in der Sakristei, dem Ort der letzten Vorbereitung vor dem Gottesdienst, vor der Predigt. So gedeutet zeigt das Fenster Jesus Christus, das offenbarte Wort Gottes, im "Zwiegespräch" mit dem für die Zeit seiner Entstehung 'idealen' Prediger - versinnbildlicht durch Martin Luther (damals wurde gerade das 400. Jubiläum der 95 Thesen gefeiert, mit Luther-Renaissance und allem, was dazugehört, einschließlich seiner Stilisierung zum Sinnbild des deutschen Predigers). Für das symbolisierte Zwiegespräch mit dem Wort Gottes spricht dann auch die geöffnete Bibel und das zum Himmel offene Fenster.
Die Fensterbilder der Huchenfelder Kirche stellen also einen durchdachten Bilderzyklus dar, der in sich paarweise geordnet ist, bzw dessen Darstellung sich am Ort im Raum orientiert.
Außer diesen zum Bildprogramm gehörenden Darstellungen gibt es noch drei weitere ornamentale Fenstergestaltungen. Es handelt sich um die drei gotischen Spitzbogenfenster im Altarraum. Alle drei haben sie dasselbe Grundmuster. Sie unterscheiden sich lediglich in der Farbgebung. Im Nordfenster dominiert die Farbe Blau, im Südfenster Grün. Bei dem dem Sonnenaufgang zugewandten Ostfenster sind die größten Flächen des Musters in Orange gehalten.
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