Gemeindebrief 3-2011: Gedankensprünge
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit! ( Ps 121,8 )
Liebe Gemeindeglieder,
wie ist das bei Ihnen, wenn Sie etwas Neues anfangen? Was überwiegt? Freuen Sie sich? Sind Sie aufgeregt? Machen Sie sich Sorgen? Oder trauern Sie dem Alten nach?
Nun, ich denke, es geht Ihnen wie den meisten: Es ist eine Mischung aus alledem. Mir ging es schon damals so, als ich im Mai 1999 meinen Dienst in der Gemeinde Huchenfeld angetreten habe. Und es geht mir jetzt wieder so, wenn ich an meine neue Dienststelle in Leimen-St.Ilgen denke. Da hinein mischt sich jetzt natürlich auch noch die Wehmut im Blick auf meinen Abschied hier von Ihnen. Fulbert Steffensky hat diese Stimmung zutreffend beschrieben: „Wenn etwas Neues beginnt, überkommt Menschen eine Art gerührter Hoffnung.“
Die eine Seite: Da ist so vieles, was meine Familie und ich mit Ihnen geteilt haben. Die vielen Gottesdienste, die wir miteinander gefeiert haben. Wir haben miteinander Kindern in der Taufe Gott anvertraut und dabei die Würde jedes einzelnen Menschen aus Gottes Liebe heraus bekräftigt, wir sind an den Gräbern gestanden und haben Trauer um geliebte Menschen miteinander getragen. Es gab die WerkstattGottesdienste oder den RockIn, Taizé-Andachten und Glaubensgespräche, die sich aufgrund der im „Kino-in-der-Kirche“ gezeigten Filme ergaben. Es gab Gottesdienste und Begegnungen unter dem Zeichen des Nagelkreuzes, durch die die Lehre Jesu von der Versöhnung ein Gesicht für uns bekam in den Angehörigen der Opfer vom 17./18. März 1945 und durch die Freundschaft entstand zu unserer anglikanischen Partnergemeinde Llanbedr in Wales. Nach den Gottesdiensten hatten wir bei einem Kirchkaffee die Gelegenheit, miteinander noch zu verweilen, ins Gespräch zu kommen, einander kennen zu lernen. Manches Experiment darunter, das wir wieder eingemottet haben, anderes hat sich bewährt und ist zur Tradition geworden.
Ob nun bei Gottesdiensten oder in der Leitung der Gemeinde, ob beim Konfirmandenunterricht oder in den Gruppen und Kreisen, ob bei der Organisation von Gemeindefesten oder beim Osterfrühstück und ähnlichen Veranstaltungen - eines war mir immer klar und wurde in der täglichen Arbeit bestätigt: Ohne einen Kreis von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist keine vernünftige Gemeindearbeit möglich. Darum gilt an dieser Stelle mein Dank all denen, die in unserer Gemeinde mithelfen, damit Gemeindeleben funktionieren kann - all denen, die dabei namentlich bekannt und für alle andern erkennbar sich einsetzen, aber auch den zahlreichen Helferinnen und Helfer, die eher „im Verborgenen“ sich einbringen wie z.B. beim Austragen des Gemeindebriefes.
Darüber hinaus erinnere ich mich gern an zahlreiche persönliche Begegnungen, sei es in den Gruppen und Kreisen, in Seelsorgegesprächen, bei der Vorbereitungen auf Beerdigungen, Hochzeiten oder Taufen, bei Geburtstagsbesuchen. Manche darunter, in denen nicht nur ich derjenige war, der etwas geben durfte, sondern aus denen ich auch selbst gehen durfte als der Beschenkte, reicher an Glaubenserfahrungen, an denen mich die Gesprächspartner/innen haben teilnehmen lassen. Auch dafür sage ich Ihnen Dank.
All das gehört zum Rückblick, zu Erinnerungen, die wir mitnehmen werden, genauso wie die Tatsache, dass unser jüngerer Sohn Johannes hier in Pforzheim geboren wurde und die ersten elf Jahres seines Lebens in Huchenfeld erlebt hat.
Nun ist die Zeit hier zu Ende, etwas Neues beginnt. Das macht bei aller Freude auch unsicher. Am neuen Ort warten neue Begegnungen, neue Menschen, das Leben muss sich neu ordnen. Dies bringt der Psalm 121 zum Ausdruck. Hin und wieder habe ich diesen bei Beerdigungen zitiert, aber eigentlich geht es in ihm um die Situation, dass ein Mensch einen sicheren Ort (den Tempel in Jerusalem) verlässt und aufbricht, um in seine Heimat zurückzukehren. Dabei muss er die sicheren Mauern Jerusalems hinter sich lassen und sich auf einen Weg durch unsicheres Terrain machen, bis er an seinem Ziel wieder sicheres Gebiet erreicht. Dazu wird den Aufbrechenden der Segen Gottes mit auf den Weg gegeben. Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang …
Ein solcher Aufbruch löst Unsicherheiten aus, bei denen, die aufbrechen, wie bei denen, die zurückbleiben. Ihnen gilt dieser Segen Gottes, um ihnen Mut und Kraft zuzusprechen bei allen Veränderungen, die auf sie zukommen. Dieser Segen gilt darum auch Ihnen, der Gemeinde Huchenfeld.
Ich wünsche mir für Sie, dass Sie die Zeit der Vakanz nutzen. Dass Sie sich durch die Tatsache, dass Sie für eine gewisse Zeit keinen festen Ortspfarrer haben, nicht verunsichern lassen, sondern die Erfahrung machen mögen, dass die unterschiedlichen theologischen Sichten, die die wechselnden Prediger/innen am Sonntag in den Gottesdienst mitbringen, Sie auch bereichern können. Die Erfahrung, dass das Gemeindeleben deshalb nicht zusammenbricht, sondern es mit Hilfe von Ehrenamtlichen gelingt, auch solche Strecken zu bewältigen (und vielleicht sind es gerade Sie, die das jetzt lesen, die eine Gabe haben, die Sie selbst mit Freude erfüllt und an der Sie andere in der Gemeinde teilhaben lassen möchten - melden Sie sich bei unserer Ältestenkreisvorsitzenden Frau Wahr oder im Pfarramt, Kontaktadressen hier).
Kirche ver-wirklicht(!) sich da, wo die Gemeinde zusammensteht, und wozu Gott seinen Segen gibt. Sie hängt an der Gemeinschaft, niemals an Einzelnen.
Der Einzelne, der jetzt geht, zusammen mit seiner Familie, bin ich. In einem Gottesdienst am 17. Juli, um 17 Uhr verabschieden wir uns von Ihnen. Dazu sind alle Gemeindeglieder von Herzen eingeladen.
Danach gilt es dann für Sie, diese Zeit „ohne Pfarrer“ gemeinsam zu überbrücken, bis Sie dann einen neuen Pfarrer oder eine Pfarrerin bekommen - mit anderen Fähigkeiten, anderen Schwerpunkten, anderen Vorlieben. Und sie werden miteinander Gottesdienste halten, Feste feiern, die Bibel lesen, Ökumene anstreben.
Für die Zeit bis dahin und für Ihren Neuanfang mit einer neuen Pfarrerin, einem neuen Pfarrer, möchte ich Ihnen neben dem Segen Gottes noch folgendes chinesisches Sprichwort mit auf den Weg geben: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen“.
Ich wünsche mir und Ihnen, (noch) unserer Kirchengemeinde, dass die anstehenden Veränderungen (auch im Blick auf die Region, vgl. S. 14) uns nicht dazu bringen Schutzmauern zu bauen, sondern uns neuen Schwung geben und gute neue Wege eröffnen.
Ihr
Jörg Geißler,
Gemeindepfarrer